Das ist das verlangen der sterblichen

3. Resümee

Die bedingungslose Liebe gilt aus unerklärliches Phänomen „Der Eros, das ist das Verlangen der Sterblichen nach Unsterblichkeit.”[1] und auch in der Weltliteratur befassen sich zahlreiche Werke mit der Verbindung von Liebeslust und Liebesleid.

Die Liebe ist wahrscheinlich das am häufigsten bearbeitete Thema, denn auch wenn man das Gefühl nicht ausdrücken kann, bildet es das Zentrum des menschlichen Lebens. Liebe ist mächtig, und eine Schwäche zugleich, nimmt einem alle Waffen und wer von ihr getrieben wird, ist oftmals bereit für sie bis über das Ende seines Lebens hinaus zu kämpfen. Sie resultiert in den Verlust des Realitätsbewusstseins der Menschen, sie werden „blind” und sehen nur noch das Positive und Entschuldbare während sie dem Göttlichen und Mächtigen näher kommen, welches die Liebe durch die Reproduzierbarkeit des Leben mit sich bringt.

Anders ergeht es einem, wenn der Tod thematisiert wird, sofort ändert sich die Atmosphäre, die Menschen leiden unter ihm und eine passende Reaktion ist schwer auszumachen. „Niemand kennt den Tod, und niemand weiß, ob er für den Menschen nicht das allergrößte Glück ist.”[2] Der Tod verbindet bis in die Ewigkeit und bereitet der Existenz ein Ende, man entkommt dem Leben zerstört es zugleich.

Die Liebe kann zu dem unklugem Handeln führen, welches im Tod endet und zeitgleich ist sie der Höhepunkt des Lebens, der nicht mehr übertroffen werden kann und soll. Dies veranlagt von den Liebenden eine autonome Entscheidung zu treffen, indem sie sterben damit dieser Höhepunkt bestehen bleibt. Doch für den Liebestod gilt auch die Sinnlosigkeit des eigenen Lebens, die man ohne den Partner befürchtet, als Motiv, während die Leidenschaft gegen die Konvention kämpft und die Liebe über den Verstand des Menschen triumphiert.

Nun begegnen sich diese abstrakten Dinge, doch kann man sagen, dass die Liebe stärker ist als der Tod? Es muss einen Gewinner geben, denn „Liebestrieb” (Eros) und „Todestrieb” (Thanatos) sind
gegensätzliche Triebe[3]. Während der Liebestrieb Einheiten schaffen möchte, will der Todestrieb diese zerstören.

Hinführung zum Thema

Die Verbindung zwischen Liebe und Tod ist nichts Neues: „Nichts kann außer dem Tod Ziel geben und Ruhe der Liebe.”[4] und noch heute wird der Liebestod stetig diskutiert ist in vielen Kunstwerken verschiedener Epochen erkennbar, wie auch in Der Tod in Venedig (1912) von Thomas Mann und in Romeo und Julia auf dem Dorfe (1855) von Gottfried Keller. Beide Schriftsteller lebten in Deutschland, nur eine Generation auseinander und dennoch sind unterschiedlichere Schreibstile kaum anderweitig auffindbar. während sie beide den Liebestod behandeln und trotz sehr verschiedener Inhalte, ein ähnliches Ende aufweisen, denn der Tod wird der letzte Ausweg für die verbotene Liebe. Der Tod ist etwas Geheimnisvolles und auch die Liebe, die etwas Schönes, Gutes und Genussvolles ist, bleibt unerklärlich, doch die Liebenden wählen für das überdauern der Liebe den geheimnisvollen Tod zu gehen.

Doch die Verbindung zwischen Thanatos und Eros tritt nicht plötzlich auf, es gibt einen Zeitpunkt an dem entschieden wird, dass der der Tod die kompromisslose Entscheidung für die Liebe ist. An diesem Zeitpunkt angekommen, ändert sich denken und handeln der Charaktere und auch der Schreibstil wandelt sich. Auch in anderen Künsten, scheuen sich Künstler lange nicht mehr davor, eine Beziehung zwischen einem Lebenden und einem Toten darzustellen, wie Der Tod Hyazinths, von J. Broc im 19. Jahrhundert gezeichnet, zeigt, oder auch die Oper Orpheus und Eurydike von Haydn, die er, inspiriert von Erzählungen Ovids und Vergils, bereits 1791 komponierte. Liebe und Tod vereinigt, trotz dem sie auf den ersten Blick gegensätzlicher nicht sein könnten.

Es muss ein Auslöser findbar sein der die Liebenden den Weg von der Liebe zum Tod einschlagen lässt, ich befasse mich in diesem Essay mit dieser Führung von der Liebe zum Tod, und wie diese inhaltlich und stilistisch in den Werken dargestellt wird.

Begründung des Themas & Auswahl der Werke

Boccaocio schrieb 1358 „Das Dekameron”, heute, 650 Jahre später, beschäftigen sich Menschen
noch immer mit Todesliebe, einer unerklärbaren Besonderheit. Ich habe diese Werke ausgewählt, da sie zwar beide das Thema Todesliebe beinhalten, aber dennoch, sowohl inhaltlich als auch stilistisch, sehr verschieden verfasst wurden.

Während die Liebe oftmals als etwas Gutes gilt, benennt man den Tod „das Loch”. Es wirkt so abwegig, diese beiden Dinge immer wieder in Zusammenhang miteinander zu bringen. Genau dieser Mysterie, wie und wann das Zusammenschmelzen von Liebe und Tod geschieht, möchte ich anhand dieser hochinteressanten deutschen Werke belegen.

Ich habe recherchiert, dokumentiert und getestet, wie der Zustand der Liebe und der des Todes zusammenhängen und wieso die Menschen so fasziniert davon sind.

Es ist so oft thematisiert, „Tristan und Isolde”, „Hymne an die Nacht” und „Romeo und Julia”, dies sind nur drei von unzähligen Werken, die sich inhaltlich mit dem Zusammenhang zwischen Liebe und Tod beschäftigen. Doch auch im Alltag ist das Phänomen Todesliebe aufzufinden, die Liebenden verlieren beinahe ihre Angst vor dem Tod, würden ihn für den Geliebten in Kauf nehmen.

Da sich viele Künstler mit Liebestod befasst haben, gibt es eine Vielfalt an Sekundärliteratur.

Der Tod in Venedig beinhaltet zudem auch Psychologie und eine Analyse der Situationen, dies ist hilfreich, um die anfangs gestellte Frage von einem weiteren Blickwinkel zu betrachten, denn die heutige leistungsorienterte Gesellschaft hat ganz andere Sorgen.

Die Liebe führt hier zu einem verhänglichen Tod und dieses fiktionale Werk weist zudem einige übereinstimmungen zwischen dem fiktionalem und dem realen Autor auf, so erlaubt diese Novelle also zeitgleich eine Analyse des weltbekannten Thomas Mann, der zwar eine Frau heiratete, aber stets an Männern interessiert war.

Romeo und Julia auf dem Dorfe ist zugleich Aufklärung und Unterhaltung, die Novelle kritisiert ironisch und durchdacht die damalige Gesellschaft und wurde auf einem wahren Zeitungsartikel basiert. Durch die Liebe der beiden Protagonisten verliert der Tod an Bedeutung und es scheint fast natürlich und rational, diesen Weg des Lebensende zu wählen. Die Kinder beenden jedoch nicht nur ihr Leben, sondern zeitgleich auch ihre Abhängigkeit und ihr schlechtes Gewissen.

Problemfragen

Wer ist Schuld am Tod?

(Ist es das Schicksal das sie dazu verleitet? Ist es gar die Intention anderer Menschen, dass dieser Weg eingeschlagen wird?)

Musste es so enden?

(Gibt es keinen Ausweg? Muss der Konflikt der Liebe im Tod enden?)

Ist ein solches Phänomen auch heute noch auffindbar?

(Gibt es heutzutage Therapien, die Menschen von dem Liebestod erfolgreich abhalten?)

Was ist letzten Endes der Gewinner des Kampfes?

Ist Liebe nur eine Krankheit?

(Und wenn ja, die Fürchterlichste von allen? Ist es eine mentale Krankheit?)

Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes nach Zeit, Raum, Literaturauswahl

Wie vorherig erwähnt, wird sich dieses Essay auf die beiden Werke Der Tod in Venedig und Romeo und Julia auf dem Dorfe konzentrieren. Es wird vor allem der Weg von dem Schönen, beschwinglichen Gefühl bis hin zu dem Ende der Existenz betrachtet.

Der Tod in Venedig von Thomas Mann verfasste er vor Ort in Italien und Tadzio gab es wahrhaftig. Dadurch, dass der Protagonist sich auf eine Reise von München nach Venedig, was gleichzeitig sein Weg in seinen Untergang ist, begibt, erlebt der Leser viele aufregende Situationen, der Untergang selbst jedoch ereignet sich in einem kurzen Zeitraum, innerhalb etwa eines Monats, verfällt der gefeierte Künstler. Die Anwendung von Leitmotiven en masse kreiert eine Spannung, die den Leser animiert das Ende zu erahnen, aber sich stets zu fragen, ob dies ein „Happy End” sein wird.

Das Werk ist sehr provokant, da Homosexualität, oder auch nur die Anziehung zwischen dem gleichen Geschlecht ein Tabu-Thema der damaligen Gesellschaft darstellte. Dennoch gelingt es dem Autoren, Schönheit und Romantik so mit dem Tod zu verbinden, dass dieses Werk eines der meist verkauften Werke Manns wurde. über Der Tod in Venedig sagte Thomas Mann selbst: „Es scheint mir, dass mir hier etwas vollkommen geglückt ist.”[5] Eine überraschende äußerung, wenn man bedenkt, dass der sonst kritische Autor kaum ein Selbstlob über seine Lippen brachte. Die Erwartungen des Lesers an dieses Werk sind dementsprechend groß, schon lange vor dem eigentlichen Leseerlebnis. Es beinhaltet den ästhetizismus und Nihilismus des Hauptcharakters und diese sind es, die das Werk so aufregend und neuartig machen. Die Päderastie – oder „laxe” wie Mann es nannte – in diesem Werk ist ironisch, da Männer ab 54 Jahren, laut Philosophen, seit 390 v. Chr. diesen Akt ausführen, nicht aber jüngere Herren.

Es ist die Velleität des 53-jährigen nobilitierten Schriftstellers die ihn letztendlich in seinen Tod führt. Er schwankt zwischen Leugnung und Bekenntnis diese Wechsel sind es auch, die die Ereignisse zeitweise ernsthaft und zeitweise ironisch darstellen.

Romeo und Julia auf dem Dorfe spielt in einem Dorf und die Liebe ist zwischen Kleinbürgern, die Konflikte des Werkes konzentrieren sich nicht nur auf die Liebe und den Tod, sondern auch auf den Konflikt zwischen der Gesellschaft und dem Einzelnen. Die Dramatik der Dorfgeschichte resultiert aus dem Streit der Väter, der nicht beglichen werden kann, und diese Feindschaft letztendlich zum Freitod der beiden Liebenden führt. Es ist ein moralischer Appell an die gesamte Gesellschaft, denn hier wird der Ruin dargestellt, der durch den Streit über eine Generation hinaus geht. Die Tragödie basiert auf einem Zeitungsartikel, den der Autor 1847 las. Keller nutzt dieses Werk als Kritik und vereint Stil und Inhalt zu einem noch immer aktuellem Werk. Ebenso weist dieses Werk besondere Zeit- und Raumstrukturen auf.

  • Praktische Probleme bei der Forschung

Während der Recherche bin ich immer wieder an meine Grenzen gestoßen, vor allem gestaltete sich das Auswählen der Referenzen als schwierig, da verschiedene Informationen von vielen verschiedenen Quellen aufzufinden waren, und ich musste entscheiden, welche nun die seriöseren waren. Viel der Sekundärliteratur war hilfreich, aber auch im Internet waren viele Informationen zu Liebe und Tod auffindbar, allerdings erwies sich besonders im Worldwideweb die Ausfilterung der nichtbrauchbaren Informationen als schwierig.

5.Teil – Aufbau der Analyse

Die Analyse ist so aufgebaut, dass zunächst der Inhalt und Stil der beiden Werke im Detail analysiert werden und später werden Themen und Stilmittel gegenüber gestellt, damit eine Generalisierung so wie ein Vergleich möglich ist. Sitlistisch und inhaltlich lässt sich erkennen, dass die Werke einen bestimmten Moment haben, in denen die Protagonisten sich für den Tod entscheiden, anstelle von Kompromisse einzugehen, der Vernunftverlust lässt sie diese aber außer Acht lassen.

Ich beginne mit Der Tod in Venedig deshalb, da er auf die Antike zurückgreift und so, auch wenn es später verfasst wurde, frühere Wurzeln hat.

Teil B – Analyse

1. Der Tod in Venedig – inhaltlich & stilistisch

Inhalt:

Der Tod in Venedig

Refklektion des Einfluss der grierischen Götter auf Schönheit

Die Führung von der Liebe zum Tod wird in diesem Werk ist erst mit dem letzten Satz vollendet.

Die Novelle beginnt mit einem prologartigem Kapitel, in dem die Reiselust Aschenbachs, ein an Schreibhemmungen leidender Schriftsteller, bei einem Spaziergang entfacht wird, als er einen Wanderer am Friedhof entdeckt. Durch diesen beginnt er von einem fernen dionysischem, tropischem Sumpfgebiet zu träumen. Er wird von Gedanken fortgetragen, die ihm eine Flucht aus seinem Alltag ermöglichen. Als er aus seiner Trance wiedererwacht, ist der Wanderer verschwunden, doch die Reiselust bleibt bestehen. Lediglich der entstandene Konflikt innerhalb dem Charakter selbst zwischen Vernunft und Befreiung deutet auf eine Tragödie hin.

Das darauf folgende Kapitel trägt die Exposition nach, in der der Charakter näher erläutert wird indem sein Lebenswerk und seine Familie vorgestellt werden. Man bekommt so Einblick in seine Vergangenheit und erfährt von Aschenbachs’ Ruhm und seinen Problemen damit, beispielsweise ist er sehr ehrgeizig

„[..] sein Lieblingswort war „Durchhalten”-” (S.21).

und nimmt gerne eine Vorbildfunktion ein, die ihm Ehre und Ruhm aber auch viele Arbeitsstunden bescherte.Erst später erbarmt sich Thomas Mann und beschreibt das Aussehen des Schriftstellers

„Diese Augen, müde und tief durch die Gläser blickend.” (S. 30)
welches eine deutliche Schlaffheit aufweist und wieder ist ein interner Konflikt erkennbar, denn die weit entfernte Vergangenheit war von wenig Glück geprägt, die nahe aber um so mehr, doch anscheinend fehlt dem Erfolgreichen noch immer etwas zum wahrhaftig Frohsinn.

Im dritten Kapitel bricht Aschenbach fluchtartig – vor sich selbst und dem Gewohnten – auf, zunächst auf die Adria-Insel wo er nicht lang verweilt, denn das Schicksal hat etwas Anderes für ihn bestimmt.

So folgt die Fahrt nach Venedig, die ein, wegen der zahlreichen Todesmotive, ein sehr wichtiger und eindrucksvoller Teil der Novelle ist. Beginnend mit dem alten, düsteren Schiff, dann ein unsauberer Matrose; ein Greis, der den kläglichen Versuch wagt jünger zu erscheinen als er ist, weisen klare satanistische Attribute auf, und später auch die schwarze Gondel, die einem Sarg gleicht. Wiederholt spielt das Schicksal Aschenbach einen Streich, als der Gondelfahrer das große, offene Meer ansteuert und auf mysteriöse Weise verschwunden ist, als Aschenbach ihn nach der Fahrt bezahlen will, vergleichbar mit dem Wanderer im ersten Kapitel.

Der Wendepunkt der Novelle ereignet sich, als Gustav sein Hotel erreicht, das Vollkommene wird vorgestellt, die Liebe in Aschenbach wird entfacht. Tadzio wird beschrieben als „vollkommen schön”. (S. 50)

„Sein Antlitz, bleich und anmutig verschlossen,

von honigfarbenem Haar umringelt, mit der gerade abfallenden Nase,

dem lieblichen Munde, dem Ausdruck von holdem und göttlichen Ernst,

erinnerte an griechische Bildwerke aus edelster Zeit.”

Allerdings wirkt alles an ihm kränklich, ein Zeichen des Todes, das selbst Aschenbach auffällt, jedoch ist er zu ergriffen, um vor ihm zurückzuschrecken. Seine homoerotischen Gefühle und Besessenheit sind unleugbar; denn in der detaillierte Beschreibung des Jungen, wird auf jede Besonderheit, aber auch auf jede Normalität hingewiesen. Dazu kommen die eher unattraktiven Betrachtungen des weiblichen Publikums

„eine kleine und korpulente Halbdame mit rotem Gesicht.” (s.52)

Bald darauf entstehen externe Konflikte, denn Aschenbach gedenkt mehrmals aufgrund der schwülen Witterung, vor der er schon in Deutschland versuchte zu fliehen, abzureisen. Allerdings hält seine Begeisterung für den Polen ihn zurück und er beginnt für den Jungen zu atmen. Er beobachtet ihn, redet in Gedanken mit ihm und scheut sich nicht, sein Verhalten zu analysieren. Aschenbachs Erfolg zeigt sich, als er den Namen des Jüngling erfährt. Später will der Autor nochmals abreisen, doch sein Gepäck gelangt nicht an den Bahnhof, sondern nach Cosmo. Doch anstelle von Wut ist der Hauptprotagonist erleichtert, denn so muss er den Knaben nicht verlassen.

Nun folgt eine Art Verlängerung des vorherigen Kapitels, ein retardierender Moment, in dem Tadzio weiterhin nah ist und gehuldigt wird. Die verzögerte Handlung steigert die Erwartung des Lesers, da der Künstler den Jungen nie anspricht, sondern stattdessen verwirrt seinen wilden Gedanken nachgeht. Jede Distanz wird aufgehoben

„War er nicht ihm, dem Künstler bekannt und vertraut? Wirkte er nicht auch in ihm? (S.83),

alles wirkt intim – beinahe zu intim

„seine Achselhöhlen waren noch glatt wie bei einer Statue” (S. 83)

und der Schriftsteller ist „verzaubert” (S. 81), gesteht es sich jedoch nicht ein.

Am Ende des Kapitels schlagen die Wünsche des Schriftstellers in Sorgen um, doch dann lächelt der Bursche ihm zu und dieses „Geschenk” lässt den Vernarrten

„die stehende Formel der Sehnsucht, –

unmöglich hier, absurd, verworfen, lächerlich und heilig doch, ehrwürdig hier noch

„Ich liebe dich!” ” (S. 97) flüstern.

Im finalen Kapitel bemerkt der Verliebte zwar Veränderungen der Stimmung, des Geruchs – hin zu einem „Opferduft” (S. 101) – und im Verhalten, aber von der Liebe getrieben, fühlt er sich durch seine heimliche Liebe so geheimnisvoll wie die Stadt selbst und sieht die dramatische Situation eher als Abenteuer. Viel gefährlicher stuft er hingegen die Möglichkeit ein, dass der Schönling abreisen könnte und somit seine Hoffnung – ihn endlich lieben zu dürfen – sterben würde. Die Sehnsucht nach seiner Nähe steigert sich weiterhin und überlässt nichts mehr dem Zufall.

Sein Fall geht rapide vor sich, bald wird er im Vorgarten des Hotels von Straßensängern unterhalten, welche auch Todesmotive darstellen. Der Tod des Fühlenden ist folglich in unmittelbarer Nähe. Endlich erfährt der Getriebene um was für ein übel der Stadt es sich handelt: Die indische Cholera – Durchfall und Erbrechen – die schon einer Menge von Menschen das Leben gekostet hat.

Der Verrückte beginnt, sich anders zu benehmen: er verliert sein Niveau, auf das er einst so viel Wert legte, indem er versucht dem Alter davon zu laufen, doch es missglückt. Er ist weiterhin erschöpft und geleitet von seiner Gier nach dem 14-Jährigen.

Das unwohle Gefühl in ihm wird stärker und er zitiert einen Dialog zwischen Sokrates und Phaidros der mit den Worten endet

„Und nun gehe ich, Phaidros, bleibe du hier;

und erst wenn du mich nicht mehr siehst, so gehe auch du.”(S.135)

Er erkennt, dass seine Liebe ihn in den Tod führen wird, doch er ist weder im Stande, noch im Willen dies zu ändern, da es aussichtslos ist. Als Tadzio, gekränkt von einem Freund, ins Meer flieht, will Aschenbach nachkommen, doch dazu kommt es schon nicht mehr, er sinkt stattdessen schlaff neben seinem Stuhl zusammen. Der Nekrolog zeigt deutlich, wie weit Aschenbach gesunken ist.

Das finale Kapitel ist der Niedergang und der Konflikt zwischen Liebe und Tod endet und ein klarer Sieger ist: Die Liebe.

Stil

Kritisch-ironisch

Gerundium-Stil

Austritt aus Realität (Präsens der Götter)

Stilistisch lässt sich eine Veränderung während dem Fortlaufen des Geschehens feststellen. Allgemein findet man naturalistische Einflüsse wie die Cholera und die präzise Beschreibung von Orten und Menschen trägt zu einem modernen Werk bei. Die Hauptperson ist der Kritik des Autors ausgesetzt, nicht zuletzt wegen seiner dekadenten Lebenshaltung, doch gleichzeitig ist ein romantisches Werk erschaffen, denn Tod und Liebe werden miteinander verknüpft und der Schauplatz ist die romantische Stadt Venedig. Apollo und Dinoysos werden gegeneinander aufgespielt und der Tod nimmt verschiedenste Gestalten an, die stetig gesteigert werden.

So wurde eine Novelle kreiert, die den Leser in die Zeit des fiktionalen Geschehens transferiert. Die klassische Struktur und die kompensierte Sprache und der auktoriale Erzähler vermittelt der Autor die Meinung des Erzählers und der Charaktere. Das Wissen des Erzählers ist beinahe unbegrenzt und zeitweise ist der Leser den Charakteren voraus und so gelangt eine spritzige Ironie in das Werk. Vor allem der Gebrauch von mitteralterlichen und antiken Todessymbolen verleiht dem Werk einen mysteriösen Hauch. Die Ausgangsposition des Werkes ist Trauer, Demut und Krisenstimmung.

Im Anfangskapitel erfährt man in extrem komplexen Sätzen zunächst die Ironie der Erzählung, man ist sofort in der Seele des Helds. Sein Tagtraum, in ein dynoisisches Sumpfgebiet zu reisen, lässt den Leser ein böses Ende vorahnen und auch das Wetter spiegelt die unglückliche, ausgelaugte Stimmung des Protagonisten wider. Dass die erste Seite schon ein Zitat „motus animi continuus” beinhaltet, zeigt, dass Thomas Mann belesen und intelligent ist, doch er ehrt fälschlich Cicero anstelle von Colet. Das eigentliche Zitat aber unterstreicht nochmals die Anspannung des Helds und die Kreuze und Gedächtnistafeln des Friedhofs sind weitere Todesmotive. Der fremde Wanderer, der Hermes, der Leiter der Menschen in die Unterwelt, offensichtlich gleicht, ist das Schicksal Gustavs und die erste, aber nicht einzige, Leitfigur dieses Werkes. Dieser Zufall ist der Einzige dieses Werkes, und es war nötig, um das Schicksal anzukurbeln, denn hier beginnt die Tragödie. Weiterhin wird das Geschehen kommentiert, aber der Erzähler neigt zu Untertreibungen und Unpräzisionen, denn innerhalb dieser komplexen Sätze findet man keine Jahreszahl, sondern zeitliche und räumliche Ausweitung, die viel Platz für Imagination lassen.

In dem zweiten Kapitel ist weiterhin ein Vokabular das von Archaismen Gebrauch macht auffindbar, doch auch eine Kongurenz zwischen Inhalt und Ton ist erkennbar, als der Erfolg des Helds beschrieben wird. Die Wortwahl ist pompös und überzeugend, wodurch Mann einen
leistungsstarken Schriftsteller kreiert, dessen Verlangen nach Ruhm unstillbar ist und somit in die Kritik Manns gelangt. Dennoch ist die Offenbarung Aschenbachs Vergangenheit eine Erlösung für den Leser, endlich muss er nicht mehr rätseln, sondern erfährt, was für eine Persönlichkeit der Held ist. Seine feste Faust unterstreicht seinen Willen und die Stärke, die schon zuvor zum Ausdruck gebracht wurde, rhetorische Fragen, Substanzivierungen und Antonomasien verhelfen Thomas Mann zu einem Stil, der vor Selbstsicherheit und Wissen strotzt, dennoch scheint manche Wortwahl übertrieben und nur zum Zwecke der Anspielung gedacht.

Das dritte Kapitel unterscheidet sich strukturell von den vorherigen, da es deutlich länger ist. Venedig als Reiseziel passt zu dem Geschehen, denn in dieser märchenhaften Stadt trifft der Hauptcharakter auf den märchenhaft, übermenschlichen Tadzio. Die Beschreibungen werden noch präziser und eine exquisite Wortwahl ist auffindbar, dies beinhaltet den Gebrauch von ausgefallenen Adjektiven und Widersprüchen, die auf das Oberflächliche fixiert sind und beim Vorlesen singen die gewählten Worte. Doch auch das Verbotene ist im Stil auffindbar, statt versteckter Hinweise findet man nun deutliche Todessymbole, wie die schwarze Gondel und Todesboten, die die Attribute des Satans aufweisen und oft tritt die gefährliche Farbe Rot in den Vordergrund. Durch die Synästhesie gelangt das Schreckliche immer weiter in den Mittelpunkt.

Die Anwendung von wörtlicher Rede, Selbstgesprächen und direkten Gedanken zeigt nun ein konkretes Anwesensein des Erzählers, doch er kommentiert weiterhin und ist stets distanziert gegenüber dem Protagonisten. Generell lässt sich aber der weitere Gebrauch von Fremdwörtern und Substanzivierungen feststellen, aber nun wird sogar Eros erwähnt, man merkt, wie die Spannung steigt. Thomas Mann nutzt rhetorische Stilmittel, um die Stimmung von Gefahr zu vermitteln, und dies gelingt ihm, trotz oder grade wegen der langen Sätze, die einen schnellen Lesefluss ermöglichen.Mit Tadzio kreiert Mann ein übermenschliches Kunstwerk, dass genau das Fehlende in Aschenbachs Leben zu sein schien.

Das folgende Kapitel hat einen Handlungsverlust, der auch im Stil merkbar ist, zunächst kommentiert der Erzähler wie zuvor und Mann greift auf die Odyssee Homers zurück um die Natur zu beschreiben und eine falsche Idylle zu kreieren. Die Liebe zu dem Jüngling wird wiederholt dramatisch dargestellt, die Gesamtsituation Aschenbachs wird mit Partizipien, Alliterationen und Antonomasien auf eine überdurchschnittliche Ebene gehoben. Doch hier ist eine Ironie durch den Erzähler bemerkbar, die diese Dramatik beinahe falsch erscheinen lässt, der Leser wird zwar aufgefordert ein Bild vor Augen zu kreieren, mit Hilfe von Synästhesie und Vergleichen, doch man merkt deutlich, wie das Ende der Novelle und des Helds naht. Die rhetorischen Fragen fordern den Leser zum Nachdenken auf, denn hier geht es nicht nur um Aschenbach, der Liebesverrückt ist, sondern jeden Einzelnen, der versucht, sich selbst zu entkommen, man befindet sich hier auf eine Metaebene, die zuvor nicht vorhanden war.

Das letzte Kapitel beinhaltet viele Imaginationen des Hauptcharakters und weiterhin zitiert der Erzähler, allerdings um Dramatik zu kreieren. Der Monolog Aschenbach unterstreicht dessen Verrücktheit, er ist getrieben von der Liebe und sein Fall wird letzten Endes vollendet. Von dem einst bekannten und beliebten Schriftsteller ist nichts mehr übrig, stattdessen hilft das Oxymeron Liebe und Tod ironisch sinnvoll zu vereinigen. Die erlebte Rede, die Ausrufezeichen, all dies sind dramatische Effekte, der Leser wird eingespannt in die Spannung. Die komplexen Sätze beinhalten grauenvolle und ekelhafte Beschreibungen, als Unterstreichung des Falls von Aschenbach.

2. Romeo und Julia inhaltlich & stilistisch

Inhalt:

Romeo und Julia auf dem Dorfe

In dieser Novelle sind keine Kapitel, aber dennoch lineare Abschnitte auffindbar. Sie beginnt zunächst mit der Exposition, darauf folgt der Aufbau des Konflikts, dann der Gewissenskonflikt der Liebenden, daraufhin wird die Handlung verzögert und darauf folgt die romantische Katastrophe.

Die Exposition beläuft sich auf wenige Seiten, in denen die Charaktere gezeigt werden wie sie im idyllischen Seldwyla leben und arbeiten. Die Ortschaft wird beschrieben und zwei Bauernfamilien stehen im Mittelpunkt, die Kinder sind befreundet und teilen viele Geheimnisse. Der Schein trügt jedoch, denn die jungen Kinder weisen schon ein grausames Verhalten auf, als sie

„ihn [den Kopf] sorgfältig los von dem ausgequetschten Leichnam”

(S. 9)

trennten. Außerdem liegt zwischen den Anwesen der Familien ein unzuordbares Acker.

Dann folgt der Aufbau der Streithandlung zwischen den Bauern, Manz erwirbt nun rechtlich für viel Geld den Acker, behauptet aber, dass Marti ihm Land geklaut habe. Die ganze Konzentration ist auf den eskalierenden Streit gerichtet, anstelle auf ihre äcker,

„[..]und ruhten nicht, ehe sie beide zugrunde gerichtet waren.”

(S.17)

so leiden sie bald unter Geldmangel und die Kinder unter Kontaktlosigkeit.

Vrenches Mutter stirbt daraufhin an Kummer, während Vrenchen versucht aus der miserablen Lage das Beste zu machen. Salis Mutter aber verwöhnt ihren Sohn, wann immer sie kann, damit er zumindest ansehnlich scheint. Bald darauf erreicht die Armut einen Höhepunkt, denn Manz’ Familie muss den Acker aufgeben und in die Stadt migrieren, um ihrer Not zu entkommen und erwerben eine schäbige Gastronomie. Sie werden von den Stadtbürgern nicht ernst genommen und leiden weiterhin an Geldnot und Hunger. Auch Marti orientiert sich nun neu: am Fischen. So kommt es zu einem Treffen mit den Kindern, Manz und Marti, als beide im selben Fluss fischen. Der Streit eskaliert und es kommt zum Kampf zwischen den Bauern, währenddessen die beiden Kinder das Verhalten ihrer Väter unwürdig finden, sich aber nach langer Zeit wieder näher kommen.

Ab hier beginnt der zweite Handlungsstrang der Geschichte, die Liebeshandlung.

„[..]indem er voll Liebe in Nacht und Wetter hinein und das liebe Gesicht anlachte..”

(S.33)

Die beiden habe die Liebe wieder entdeckt und Sali verliert dadruch seine Umwelt aus den Augen, sein einziges Ziel wird nun, sich der Geliebten zu nähern. Auch Vrenchen versucht, den Burschen zu beeindrucken, in dem sie vorgibt eine perfekte Hausfrau zu sein. Als Sali sie besucht, entscheiden sie, sich vor den Vätern zu verstecken und verabreden ein geheimes Treffen an dem Ort, an dem sie schon als Kind zusammen spielten und bald darauf spazieren sie gemeinsam über die äcker. Plötzlich tritt der „schwarze Geiger”(s.40) auf und berichtet den Kindern, dass die Väter selbst Schuld an ihrem Unglück seien, denn sie waren es, die ihm sein Habe nicht anerkannt haben, daraufhin verschwindet er in Richtung des Dorfes, die Liebenden sind verängstigt und verwirrt, doch Vrenchen findet bald ihre Heiterkeit wieder, sie scherzen über eine Heirat, auch wenn sie bemerkt, dass sie keine gemeinsame Zukunft haben. Dann taucht Marti

„mit bösen Blicken”

(S. 47)

auf und bestraft seine Tochter für das geheime Treffen mit dem Sohn seines Feindes, Sali reagiert, indem er Marti mit einem Stein auf den Kopf schlägt, was in Verstandsverlust resulitert. Wiederholt stellen die beiden Kinder fest, dass ihre Liebe nicht sein darf und kann.

Darauf folgt die Handlungsverzögerung, Marti muss in eine Anstalt und sein Haus und Hof werden verkauft, sodass auch Vrenchen fortgehen muss. Beide Liebenden sind sich unschlüssig über ihre Zukunft, beschließen aber, gemeinsam fortzulaufen. Am Tage der Flucht sind beide herausgeputzt und Sali bringt Vrenchen Sonntagsschuhe, Vrenchen genießt die Möglichkeit, sich bei der Käuferin des Bettes als Braut auszugeben

„Seht, Sali ist mein Hochzeiter”.

(S. 60)

wodurch sie den Respekt der Käuferin erlangt. Bald machen sie und Sali sich auf den Weg ins nächste Dorf, um sich dort in einer Gaststätte niederzulassen, wo Vrenchen wiederholt die Brautrolle übernimmt und auch Sali genießt die Zeit mit ihr sehr.

„Denn die armen Leute mussten an diesem einen Tage, der ihnen vergönnt war, alle Manieren und Stimmungen durchleben.”

(S. 67)

So wandern sie ins nächste Dorf und dann zum Kirchweih, wo sie sich gegenseitig Lebkuchengebäck schenken und unwissendlich voneinander Ringe kaufen, das Glück der beiden wird aber bald von den neugierigen Blicken anderer Seldwylaner getrübt und fliehen abermals, nun in ein Wirtshaus, „Paradiesgärtlein”.

Der Zufall will es, dass sie den schwarzen Geiger dort wiedertreffen, der der Leiter und Musikant der anwesenden Gesellschaft ist, diesesmal ist er freundlich zu ihnen und schon tanzen sie ausgelassen und freuen sich an der Musik, die Stimmung jedoch wird wieder durch die Hoffnungslosigkeit getrübt

„Seine verwirrten Gedanken rangen nach einem Ausweg, aber er sah keinen.”

(S. 79)

Sie entscheiden sich zunächst, mit den Landstreichern zu ziehen, doch Vrenches Gesundheit verschlechtert sich, bald darauf vermählt der schwarze Geiger das Paar symbolisch und fährt den Hochzeitszug voran, vorbei an Seldwylan. Das Paar entflieht dem wilden Zug und Sali schlägt eine Trennung vor, doch Vrenchen ist dazu nicht im Stande, stattdessen holt sie den Ring für ihn hervor und auch Sali steckt ihr seinen an, so ist die Trauung besiegelt und sie beginnen, sich eine Zukunft auszumalen, so kommt der gemeinsame Selbstmord ins Gespräch.

„Wir halten Hochzeit zur Stunde und gehen dann aus der Welt-“

(S. 85)

Beide haben gleiche Gedanken und ihre Vernunft versagt, Vrenchen gibt sich Sali ganz hin und Sali sagt:

„Es nimmt dich niemand mehr aus meiner Hand als der Tod.”

(S.86)

So ist es beschlossen und entdecken auf einem nahen Strom ein Heuschiff, das als Brautbett dienen wird, in dem sie zusammen sterben werden. Am Morgen darauf werden sie tot aufgefunden, was in der Zeitung als

„ein Zeichen von der um sich greifenden Entsittlichung und Verwilderung der Leidenschaft.”

(S. 88)

gilt. So findet ein romantischer Liebestod statt der aus sozialer Ausgrenzung resultiert.

Stil

Das Werk weist eine besondere Zeitstruktur auf, denn zunächst werden die Charaktere, Orte und die idyllische Natur anhand poetischem Realismus sehr ausführlich und bildhaft beschrieben, sodass zunächst ein einziger alltäglicher Vormittag viele Seiten der Novelle einnimmt. Die Sicht des Lesers wird an die verschiedenen Landschaften und zu den Hauptcharakteren geleitet und der Erzähler appelliert zu moralischen Entscheidungen, da diese Bauern durch ihre Habgier und Eigeninteresse alles andere als vorbildlich handeln, jedoch versucht er keine Individuen darzustellen, sondern stattdessen den allgemeinen Bürger dieser Zeit. Die Zerstörung und Entkleidung der Puppe durch die beiden Kinder zeigt die Gewaltbereitschaft der Gesellschaft, sowie den Verlust von Habgut. Der olympische Erzähler hat den überblick und rechtfertigt sich sogar dafür, dass er dieses Werk verfasst. Ebenso scheut er sich nicht, seine eigene Meinung hervorzuheben, so wie zukünftige Geschehnisse andeutet.

Daraufhin folgen in nur wenigen Sätzen die folgenden drei Jahre und der Höhepunkt, der zeitgleich auch Wendepunkt ist, findet statt, der herrenlose Acker wird als Leitmotiv benutzt, das zeitgleich mit dem steigenden Hass und dem Ruin der Bauern immer weiter verwildert. Der Höhepunkt ihres Hasses findet dann nach 12 Jahren statt, die Erzählung wird wieder detailliert und anschaulich, nicht zuletzt durch die realistische Sprache und die Kommentare des Erzählers. Ein Bild wird kreiert, dass den Leser dazu anregt, sich das Geschehen wie einen Film vorzustellen. Es ist beinahe Ironie, dass während der Hass der Väter auf dem Höhepunkt angelangt ist, die Liebe zwischen den Kindern entfacht wird.

Was dann folgt, ist der zweite Handlungsstrang, nun tritt die Beziehung von Sali und Vrenchen in den Mittelpunkt, die eine hoffnungslose Liebe darstellt. Wieder wird die Erzählung detaillierter und der Gewissenskonflikt und die Ausweglosigkeit werden deutlich. Der Fokus in diesem Moment liegt auf der Auswirkung dieser Beziehung und nicht auf der eigentlichen Beziehung. Das Auftreten des schwarzen Geigers ist zugleich ein Todesmotiv, wie auch eine Widerspiegelung von Vrenchen und Sali, die wie er, nicht akzeptiert werden. Er ist ein Symbol aller armen Künstler, der durch seine schwarze Kleidung als Köhler gehalten werden kann. Dass die beiden sich lieben führt zu Entsetzen, doch sie können nicht voneinander lassen. Der Autor kreiert durch Personifikationen und schöne, kraftvolle Adjektive bildhafte Kulissen und Gefühle.

Dann folgt der Höhepunkt der Tragödie und des Gewissenskonflikt. Das Opfer wird kaum erwähnt, stattdessen dreht sich alles um die Liebenden, die verzweifelt einen Weg suchen, wie sie ihre Liebe ausleben können, die Flucht die sie einschlagen, ist eine symbolische Flucht vor der gesamten Gesellschaft, die so viel von ihnen erwartet. Die romantische Sprache weist ähnlichkeiten mit religiösen und mythologischen Werken auf, während zeitgleich das weitere Geschehen vorausgedeutet wird. Das Lebkuchengebäck spiegelt die Träume der Kinder wider, da Vrenchen von einer liebenvollen, gemeinsamen Zukunft und Sali von einer Heimat träumt. Das „Paradiesgärtlein” nimmt hier eine symbolische Rolle ein, des es stellt die Abgrenzung der „normalen” Welt dar, sowie das Entkommen in eine schönere.

Die Hochzeit der beiden Hauptprotagonisten ist die Einleitung vom Ende, der Erzähler lässt sie nicht unkommentiert und baut Spannung für das Finale auf. Das Heuschiff ist symbolisch für die bäuerliche Herkunft der Kinder, das auf dem Fluss treibt der den Kindern den Tod bringt. Der übergang von der Liebe in den Tod ist unaufhaltsam, als das Schiff die Mitte des Stromes ansteuert und so eins mit der Natur wird. Die Sprache des Werkes verändert sich deutlich, indem sie düsterer und beinahe bedrohlich wird, dennoch aber poetische Züge aufweist. Der Liebestod stellt den Triumph von der Liebe über den Tod dar, der die beiden Liebenden mit der Natur vereinigt und unkommentiert mit einem Zeitungsausschnitt zu Ende geht und den Leser wiederholt zu einer moralischer Wertung anregt und aufgefordert wird, Anfang und Ende zu vergleichen. So wird der Leser zeitgleich unterhalten und aufgeklärt.

Teil 3

Resultat!

Die Darstellung von der Liebe und dem Tod in den beiden Werken lässt sich am Besten so erklären, dass die Liebe der Protagonisten „in die Gesellschaft eingeführt” wird, jedoch ist von vorne herein klar, dass diese nicht positiv auf die Liebe reagieren wird und so müssen die Charaktere sich entscheiden, ob sie Kompromisse eingehen und so in der Gesellschaft weiterleben können, oder aber den Tod wählen der sie von all den Urteilen der Gesellschaft erlöst.

Das Schicksal ist in beiden Werken vorher bestimmt, immer wieder wird das jähe Ende angedeutet und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Protagonisten dort ankommen. Der wichtigste Moment der Werke ist jedoch der, an dem sie sich für den Tod entscheiden, schließlich hängt die Zukunft davon ab. In Der Tod in Venedig findet die Peripetie statt, als Aschenbach statt seine Heimat aufzusuchen durch die Stadt, die von der Cholera gezeichnet ist, zu irren. Ab diesem Moment ist klar, dass er sich für den Tod entschieden hat, für die Welt, in der es nur ihn und den Geliebten gibt. Schon vorher gab es Situationen, an denen er beinahe eine Entscheidung gefällt hätte, als er bemerkt, dass fast alle anderen Gäste abgereist sind, als der Friseur eine Bemerkung über das übel der Stadt macht und der komische Geruch, doch all das verliert an Wert und Dringlichkeit, stattdessen packt ihn die Abenteuerlust, er ist von der Liebe getrieben und hält sich durch sie geheimnisvoll wie die Stadt selbst. Seine Angst resultiert nicht aus der umgebenden Gefahr, sondern aus dem möglichen Abreisen Tadzios, es wird noch einmal deutlich, dass der Liebende bereit ist für den Jungen zu sterben. Letztenendes nimmt er endlich sein Schicksal selbst in die Hand, allerdings nicht aus Lebensfreude. Er stellt Tadzio nach, lässt ihn nicht mehr aus den Augen während er weiter an Kraft verliert, doch die Gefahr wird von der Vollkommenheit des Polen überdeckt und so kommt es zu dem Tod, in den Tadzio ihn geleitet hat.

Vrenchen und Sali hingegen sind vorsichtiger. Ihr Leben ist zwar auch vom Schicksal geprägt, denn das gerade ihre Väter verfeindet sind und dass der schwarze Geiger sie beim heimlichen Treffen entdeckt, können sie nicht beeinflussen. Ihre Entscheidung für die Liebe und gegen alles, was sie dagegen stellt, findet statt, als sie ihre Liebe erkennen, sich treffen und gar Marti verletzen, damit ihre Liebe bestehen bleibt. Hier wird deutlich, dass sie bereit sind, alles für ihre gemeinsame Zukunft zu tun, das schließt die Untreue zu ihren Familien ein. Die eigentliche definierte Entscheidung für den Tod findet erst statt, als sie sich von der heimatlosen Gesellschaft trennen. Die beiden haben so lange gezögert, Vrenchen hatte gar bis zum Schluss noch Hoffnung auf eine rosige Zukunft, doch letztlich merken beide, dass es nur diesen einen Weg gibt. Ihnen ist es gleichgültig, dass sie von dort an nicht mehr leben werden, das einzig wertvolle ist ihre Liebe, ohne die sie nicht weiterleben können.

Es wird deutlich, dass der Tod an Wert verliert, denn er wird der Liebe untergeordnet, anstelle der sonst so rationalen Denkweise Aschenbachs tritt mit dem mehrfachen Erblicken Tadzios ein verrücktes Handeln, welches ihn davon abhält abzureisen, obgleich die Gefahr deutlich erkennbar ist. Die Cholera umgibt die ganze Stadt und dennoch bleibt Aschenbach dort, er klebt an Venedig und später ist es ihm auch nicht mehr möglich, sich von dem Stuhl, auf dem er am Strand Platz nimmt, zu lösen. Er ist gefangen in der hoffnungslosen Liebe, die ihn zu einem Narr werden lässt. Auch Vrenchen und Sali verlieren durch ihre Gefühle die Scheu vor dem Tod, durch ihren Beschluss sich zu treffen, gemeinsam fortzulaufen und letztlich auch zu heiraten, gewinnt die Liebe unaufhörlich an Wichtigkeit. Doch nicht nur die Liebe lässt den Tod anziehend erscheinen, auch die Naivität und mangelnde Erfahrung der Liebenden trägt zu einem eingeengten Denken bei, denn sie sehen nur noch die Liebe, beginnen rational zu kalkulieren und kommen zu dem Ergebnis, dass nur der Tod sie zusammenhalten kann.

Besonders auffallend ist der Verlust der Vernunft, der in allen Charakteren auffindbar ist, das zuvor als Gefahr oder absolutes Aus gesehen wurde, verschwimmt zu einer Erlösung und absoluten Erfüllung, die nicht zu übertreffen ist. Stattdessen wäre das Weiterleben eine Qual, Aschenbach wäre täglich einer Welt jenseits des Sichtbaren ausgesetzt, die er mit niemandem teilen kann, das Pärchen aus Sledwya wiederum würde die Realität einholen, in der ihnen ein Zusammenleben durch die Gesellschaft nicht möglich wäre. Stattdessen wird nun also der Tod gewählt, der keine Religion zulässt, den gläubige Menschen akzeptieren den Tod nicht als einen Ausweg, diese Protagonisten begehen einen Gebotsbruch, durch den Mord an ihrem Selbst.

Das Resultat ist also doch eindeutig, in beiden Fällen wird, von Vernunftsverlust resultierend, der Tod der Liebe untergeordnet. Die Autoren nutzen dieses doch nachvollziehbare Phänomen um Tragödien voller sprachlicher Schönheit und Selbstbeherrschung der Protagonisten zu kreieren.

4.Teil – Sekundärliteratur

  • Der Tod in Venedig – Thomas Mann – Fischerverlag 1992
  • Thomas Mann und der Tod in Venedig. Eine kritische Abwehr. – Bernd Isemann – München 1913
  • Stoff und Idee im Tod in Venedig – Wolfgang F. Michael in DVJ 33 (1959) 13-19
  • Thomas Mann: Der Tod in Venedig – Fritz Martini in F.M.: Das Wagnis der Sprache. Interpretationen deutscher Prosa von Nietzsche bis Benn. Stuttgart 1954, 176-224
  • Zur Symbolik in Thomas Manns Der Tod in Venedig – Hertha Krotkoff, in MLN 82 (1967) 445-453
  • Der Ausbruch der Negativität. Das Ethos im ‘Tod in Venedig’. Franz H. Mautner, in Thomas-Mann-Jahrbuch 1 (1988) S. 1-11
  • Eros und Tod in Thomas Manns Novelle ‘Der Tod in Venedig’ Studienarbeit Anonym
  • Literaturwissen für Schule und Studium: Gottfried Keller. Metz, Klaus-Dieter, Stuttgart 1999, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 15205
  • Romeo und Julia auf dem Dorfe. Gottfried Keller wann wo und so
  • Humor als dichterische Einbildungskraft. Studien zur Erzählkunst des Poetischen Realismus. Preisendanz, Wolfgang; München 1976 ff., S. 143-213
  • Gottfried Kellers ‘Romeo und Julia auf dem Dorfe’ Eine erzähltheoretische Untersuchung. Abe, Yoshio; Bern 1989
  • Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe. Die Recherche nach den Ursachen eines Liebestods. In: Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Bd. 2. Koebner, Thomas, Stuttgart 1997, S. 203-234
  • Um Liebe, Leben und Tod. Zur Struktur und Problemreferenz von Gottfried Kellers ‘Romeo und Julia auf dem Dorfe’ In: Wirkendes Wort 52. Schmitz, Michael 2002 H.1. S. 67-81
  • http://www.querelles-net.de/index.php/qn/article/viewArticle/450/458
  • http://www.venediginformationen.eu/
  • http://www.dieterwunderlich.de/Mann_venedig.htm
  • http://www.derweg.org/personen/literatur/thomasmann50todestag.html
  • http://www.klassiker-der-weltliteratur.de/boccaccio.htm
  • http://www.henninghirche.de/index.htm?http://www.henninghirche.de/hetero/hetero_4.htm
  • http://www.gutzitiert.de/gedankensplitter_tod-tabuthema_tod-gz28.html
  • http://www.texttexturen.de/essays/sartre_spiel/seite2.php
  1. Sokrates, http://www.gutzitiert.de/zitat_autor_sokrates_thema_liebe_1610.html
  2. Sokrates, http://www.gutzitiert.de/zitat_autor_sokrates_thema_tod_1610.html
  3. laut Freud
  4. http://www.gottwein.de/Lat/ov/met10de.php
    Ovid, Metamorphosen 5 Z. 377
  5. Dichter über ihre Dichtungen. Bd. 14: Thomas Mann. Hrsg v. Hans Wyyling u. Mitw. v. Marianne Fischer. München/Frankfurt 1975